Kollateral-Erkenntnisse aus Auto-Museen (Teil 1)

12.07.2018 | / /

 

 

Wer ein Automuseum besucht, erwartet Faszination auf vier Rädern. Beim intensiveren Blick in verborgene Ecken finden sich dort oft auch Geschichten, die nur am Rande mit der automobilen Fortbewegung zu tun haben. Sie bieten Stoff satt für eine Serie – zum Auftakt: die Cité de l’Automobil im elsässischen Mulhouse.

Was mir von der Sammlung Schlumpf – korrekt: der Cité de l’Automobil im elsässischen Mulhouse – nachhaltig in Erinnerung geblieben ist? Genau zwei Dinge, und sie haben (fast) nichts mit dem Automobil zu tun: Da geht es einmal um den Niedergang der Textilindustrie in Europa und ein andermal um die Macht von Markenzeichen.

Die Spinner aus der Spinnerei

Wer das Museum besucht, diese größte Garage der Welt, dem strömt schon gleich nach dem Betreten der charakteristische Geruch aus Öl, Metall und altem Leder entgegen. In einem unscheinbaren Eckchen, etwas abgelegen vom Besucherstrom, spielt ein Monitor in Endlosschleife Videosequenzen zur ungewöhnlichen Geschichte der Sammlung Schlumpf ab. Um ein Haar hätte es das Museum nämlich gar nicht gegeben. Und das kam so: Fritz und Hans Schlumpf, zwei Textilindustrielle aus dem Elsaß, hatten ein kostspieliges Hobby. Die beiden Brüder kauften Oldtimer. Aus heutiger Sicht unschätzbare Werte, darunter über 100 historische Fahrzeuge der Marke Bugatti, rollten so seit 1961 in eigens leer geräumte Lagerhallen unweit der Wollspinnerei HKD nahe Mulhouse. Auf der Payroll der Firma fanden sich auch Restauratoren, die baufällig gewordene Karossen nach allen Regeln der Kunst wieder instand setzten. Als Journalisten von der ursprünglich rein privaten Sammlung Kenntnis bekamen und die Presse darüber berichtete, stieg das Interesse. Fritz Schlumpf reagierte mit einem Plan, die Sammlung zum Museum auszubauen. Das ging wohl nicht ganz, ohne das operative Geschäft der Firma zu belasten. Immerhin hätte die Wollspinnerei just in dieser Zeit viel Kapital gebraucht, um sich gegen die Krise der Textilindustrie in Europa zu stemmen. Doch ohne modernste Maschinen und ohne Standorte im Ausland wurden die Fabriken im Elsaß schnell unrentabel. 1976 kam die Insolvenz. 200 Angestellte und Arbeiter wurden über Nacht arbeitslos – und hätten sich schier an der Oldtimer-Sammlung „gerächt“.

Weil sich die Brüder Schlumpf in die Schweiz abgesetzt hatten, fackelten wütende Demonstranten in Mulhouse einige der historischen Fahrzeuge ab. Wenig später stritten Juristen um die Frage, ob die noblen Karossen zur Konkursmasse zu zählen und zu verkaufen seien. Doch die Sammlung überstand die Krise. „Too big to fail“ galt in diesem Fall nicht für die Firma der Gebrüder Schlumpf, sondern für die mit den Firmengewinnen ersteigerte, weltweit einmalige Fahrzeugsammlung.

Meister Lampe als Markenbotschafter?

Im Eingangsbereich, noch bevor man zu den Autos kommt, steht eine Wand mit historischen Kühlerfiguren. Was man heute für die Markenzeichen des Automobilbaus hält, war um 1900 oft noch ein Stück Kundenservice: Mancher Hersteller ließ seine Kunden wählen, welches ikonische Tier sie mit ihrem Wagen dem Publikum präsentieren wollten. So erklären sich all die Hähne, Eichhörnchen und Schildkröten, die dort sowie in der nachfolgenden Bildergalerie als Kühlerfiguren zu sehen sind.

Andere Hersteller wie Mercedes, Rolls Royce und Bugatti begriffen die Chance, die sich an diesem prominenten Platz für die Markenbildung bot: Sie setzten von Anfang an modellübergreifend auf ein wiedererkennbares Markenzeichen: den Stern, die Emily (bzw. „Spirit of Ecstacy“) und im Fall Bugatti einen Elefanten, von dem die Fachwelt bis heute rätselt, ob er sich aufbäumt oder „tanzt“. Wer erinnert sich heute noch an Alvis und Delage? Und wer kennt Bugatti, Rolls Royce und Mercedes? Vielleicht liegt das ja an der früh und konsequent ergriffenen Chance zur Markenbildung?