Von Euro-4-Opfern und Custom-Hipstern

23.11.2016 |

Quo vadis, Zweiradmarkt? Die ab 2017 geltenden EU-Vorgaben machen einer Reihe von Motorrädern den Garaus, spülen aber auch eine Flut neuer Bikes auf die Messestände der Hersteller. Parallel boomt der Kult rund um Customizing und Individualisierung – eine Bestandsaufnahme nach den Messen in Köln und Mailand.

Nummer 4 lebt, und wie! Wohl kaum eine Gesetzesvorgabe hat die europäische Zweiradbranche so durchgeschüttelt wie die ab 1.1. 2017 verpflichtende EU-Zulassungsrichtlinie 186/2013, im Branchen-Volksmund (wegen der inkludierten Abgasnorm) als „Euro 4“ bezeichnet. Die hat es in sich: Neben reduzierten Abgas- und Lärmemissionen sind unter anderem auch ABS ab 125 Kubik und ein On-Board- Diagnose-System vorgeschrieben.

Neuheitenkarussell 2017 – mit Turbo-Zuschlag dank Euro 4

Was heißt das für die Biker? Die Auswahl an wirklich neuen Fahrzeugen ist 2017 so groß wie schon lange nicht mehr, denn die Hersteller schoben umfassend renovierte Modellpaletten auf die Messebühnen in Köln (Intermot) und Mailand (EICMA). Frohlocken kann vor allem die in den letzten Jahren arg gebeutelte Sportfraktion: Mit  runderneuerten Ikonen wie Honda Fireblade, Suzuki GSX-R 1000 sowie der Yamaha R6 bei den schon totgeglaubten 600ern ist wieder richtig Alarm in der Klasse der Motorräder mit fünfstelligen Höchstdrehzahlen angesagt. Als Kontrast dazu waren an gefühlt jedem Stand auch ein oder mehrere neue Retro-Moppeds zu sehen. Ob Scrambler, Bobber oder Old-School-Enduro, wer 2017 ein modernes Bikes mit klassischem Design kaufen möchte, steht vor einer ungewohnten Qual der Wahl.

War die Retro-Neuheitenwelle noch abzusehen, kommt die große Zahl neuer Einsteiger-Bikes für viele Beobachter eher überraschend: Die sehr erwachsen designten Bonsai-Versionen bekannter Erfolgsmodelle – wie etwa die R 310 GS bei BMW oder Kawasakis Versys X 300 – sind zwar primär für die Boom-Märkte in Schwellenländern gedacht, passen aber auch trefflich ins hiesige Portfolio. Um das hierzu passende Kostenniveau zu halten, heißt der Trend für europäische Hersteller jedoch nun auch: ab ins Günstiglohnland! Nach Triumph (Thailand) und KTM (Indien) ist nun auch BMW mit einer Fertigung auf dem asiatischen Subkontinent vertreten.

An das Werkzeug, fertig, los! Selber schrauben macht glücklich

Apropos Fertigung: Ganz entgegen dem bisherigen Trend zur Biker-Vergreisung beschließen seit ein bis zwei Jahren wieder zahlreiche Youngster beiderlei Geschlechts eine Bike-Karriere zu starten. Doch damit nicht genug: Mit dem Credo „built, not bought“ auf den Lippen erklären Großstadt-Studis und Nachwuchs-Hipster den Schraubenschlüssel zum Kultobjekt und verschwinden mit Opas alter Honda in der Garage. Je nach Talent des Erbauers ist die Bandbreite jener Umbau-Fahrzeuge naturgemäß groß. Die besten Erzeugnisse der Nachwuchs-Customizer waren zusammen mit Profiprodukten in der erstmals seit langem wieder knackig gefüllten Halle 10 der Intermot zu sehen. Insgeheim werden viele Branchenvertreter das muntere Treiben dort mit zwei konstant gedrückten Daumen beobachtet haben. Den einen für das möglichst lange Anhalten der Nachwuchs-Welle, und den anderen dafür, dass es von diesen Neu-Bikern doch auch einige in die anderen Hallen schaffen mögen, um sich vielleicht bald einmal ein Neufahrzeug zu gönnen. Sicher ist: Spätestens bei der nächsten Intermot wissen wir, ob sich das Daumendrücken gelohnt hat!