Neue Fahrspaß-Klasse im Anrollen – Rückblick EICMA 2017

15.11.2017 | / /

„Wir brauchen noch eine Mittelklasse-Version. Mach einfach weniger Hubraum rein und lass alle teuren Teile weg.“ Mit so einem Marketing-Briefing entstanden in der Vergangenheit wohl oft die unsäglichen „Sparfuchs-Versionen“ vieler Hersteller. Wer sich noch an emotionsarme Geräte mit Aldi-Charme wie die BMW R 850 oder Ducati Monster 620 erinnert, weiß, was gemeint ist.

Diese Zeiten scheinen spätestens seit der gerade vergangenen Motorrad-Messe EICMA in Mailand Geschichte. Im Bereich zwischen 750 und 900 Kubik tummeln sich nun immer mehr echte Fahrspaß-Knaller, die zudem mit eigenständigem Design und topmoderner Technik punkten. Darüber hinaus verschrecken sie mit einem Gewicht zwischen 180 und 220 Kilogramm sowie Preisen in der 10 Kilo-Euro-Plus-X-Region sicher keinen Normal-Biker. Genau Letzteres wird bei einem Kostenrahmen von teils deutlich über 20.000 Euro jedoch bestimmt für die neuen Technik-Ikonen der Branche gelten – beispielsweise die V4-Panigale von Ducati bei den Supersportlern, die kompressorgeladene H2SX von Kawasaki oder das – nun deutlich leichter gewordene – Touringflaggschiff GoldWing von Honda.

Alles außer Mittelmaß –  Neues mit 750 bis 900 Kubik

Doch zurück zur „Fahrspaß-Klasse“: Das muntere Neuheiten-Grüppchen wird angeführt von der KTM Duke 790 – Beiname „The Scalpel“. Mit 105 PS und unter kundiger Hand bewegt dürfte das orangene Bike auf Alpenpässen kaum Gegner haben. Als Retro-Modell inklusive stilechtem orange-braunem Lackdesign kommt auch die Kawasaki Z900RS daher, während die Monster 821 von Ducati die vertraute Optik der Baureihe mit einem neuen, quicklebendigen Motor verbindet. Auch die in Mailand präsentierten „Mittelklasse“-Enduros von BMW und Triumph mit rund 800 Kubik Triebwerken sind in Sachen Performance und Ausstattung alles andere als ärmlich. In jedem Fall gilt: Auch gestandene Biker finden in der wiederbelebten „Mittel-“ – Verzeihung: Fahrspaß-Klasse jetzt eine Vielzahl attraktiver Angebote.

Apropos Wiederbelebung: Mit satten acht neuen Modellen überraschte die mit China-Millionen wiederaufgepäppelte Italo-Traditionsmarke Benelli das Messepublikum. Nicht minder ambitioniert ist Royal Enfield unterwegs: Neben einem komplett neuen (!) 650er Motor stellten die Inder auch gleich zwei neue Moppeds mit dem Twin auf den Messestand. Auf eine Wiederbelebung wartet dagegen die einstmals stolze Marke Suzuki. Als einzige „Neuheit“ wurde verschämt eine SV 650 mit Cockpitverkleidung gezeigt und daher auch gleich – wahrscheinlich erstmals in der Firmengeschichte – auf eine Pressekonferenz verzichtet. Hoffentlich lassen sich die Japaner von der Konkurrenz nicht zu sehr abhängen – viel Zeit bleibt nicht mehr.

Big Twins unter Dampf

Apropos Konkurrenz: Seit die (vom Schneemobil- und Quad-Giganten Polaris wiederbelebte) US-Traditionsmarke Indian so ziemlich alles richtig macht (und damit auch Harley-Davidson auf dem Heimmarkt unter Druck setzt) ist die „Company“ aufgewacht. Nach einem neuen V2-Triebwerk zur letzten Saison gab es nun bei Harley ein Modellfeuerwerk von gleich neun neuen großen Bikes – Respekt! Leider ändert das nichts an der eklatanten Nachwuchsschwäche bei den Kunden im Cruiser- und Choppersegment. Zwecks Zielgruppensuche stellten die Kollegen von Indian daher zumindest schon mal einen schicken V2-Tracker-Supermoto-Verschnitt als Versuchsballon auf den Stand.

Apropos neue Zielgruppen: Heimlich still und leise (bei uns zulande) oder mit Vollgas – bzw. Vollstrom – kommt die Zweirad-Elektromobilität auch in Europa aus dem vielzitierten Quark. Aber davon dann mehr in einem der nächsten Blogbeiträge.

Und nicht vergessen: Wer die neuen Motorräder live in Augenschein nehmen möchte hat dazu vom 16. bis 18. Februar 2018 Gelegenheit, denn dann verwandelt die IMOT – Internationale Motorrad Ausstellung das MOC in München-Freimann zum 25. Mal in ein Eldorado für Biker, Rollerfreunde und Quad-Fans.