Ende Gelände?

17.01.2017 | / / /

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Das Phänomen erklärt sich ganz einfach. Wir haben es mit einem Virus zu tun. Es befällt Lebewesen und Objekte: bei Autokäufern oft die Vernunftzentren, in den Pkw die Segment-DNA. Die Experten haben es SUV getauft. Die pandemisch infizierten Autos heißen ganz genauso: Mit 22,5 Prozent Marktanteil, das steht für rund 3,2 Millionen Neuwagen, eroberten sie im Jahr 2015 erstmals die Spitze der europaweiten Verkaufsstatistik. Bald lenkt also jeder vierte Neuwagenkäufer so ein SUV. In meinem Umfeld ist es gefühlt jeder Zweite. Manch einer könnte beim Weiterlesen verschnupft reagieren.

Wie kommt‘s?

Reinen Spekulationen zufolge hatten gewiefte Marktmächte für den Pkw-Erreger die Gene des fossilen VW Golf II Country extrahiert – eines Modells, das schon 1991 nach nur einjähriger Ära ausgestorben war. Für das türkisfarbene Laborvirus SUV allerdings gab es, einmal freigesetzt, offenbar kein Halten mehr. Zuerst befiel es die Allrad-DNA von Geländewagen, machte sie unfähig, sich ins Gelände zu wagen. Einige „Offroader“ waren bald darauf ja nur noch heckantriebstauglich. Äußerlich ließen sie sich das nicht ansehen, aber als man sie auf schneebedeckten Steigungen um Grip ringend gelbe Hilfe rufen hörte, war die Diagnose „Influenza Typ SUV“ auch für Laien klar.

Viren entwickeln sich weiter. Deshalb verbreitet sich unter den „Kraxlern“ mittlerweile der Frontantrieb rasant. Wie so oft trifft es die Kleinen und Schwachen zuerst: Bei einem Renault Captur und Peugeot 2008 etwa gibt es 4WD gar nicht mehr, beim Nissan Juke verzichten bereits 95 % der Fahrer freiwillig darauf. Scheint so, als vertrauten moderne Abenteurer bei ihren Expeditionen komplett auf Naturheilkräfte.

Was bringt‘s?

Damit ist bereits beschrieben, was die SUV-Infektion im menschlichen Denkzentrum auslösen kann: nämlich sich bewusst von 4WD als dem meiner Ansicht nach wichtigsten Geländewagen-Vorteil zu verabschieden. Auch die übrigen Fahrzeugeigenschaften sehen – zumindest für sture SUV-Verweigerer wie mich – nicht immer nach lupenreinem Mehrwert aus: So mag eine höhere Sitzposition die Übersicht steigern. In Parkhäusern beispielsweise konnte ich aber noch nicht beobachten, dass dies die generellen Manövrierkompetenzen ebenfalls verbessert. Und natürlich führt die gewonnene Bodenfreiheit zu mehr Luftwiderstand und Verbrauch. Der Schwerpunkt wandert ebenfalls nach oben, die querdynamischen Ambitionen damit wohl häufig eher talwärts. Das zusätzliche Gewicht gegenüber Limousinen vermittelt unterdessen praxisnah, was Massenträgheit meint. Damit SUVs trotz allem positiv auf Elche getestet werden können, rückmeldet das Fahrwerk in vielen Fällen unerwartet unkomfortabel-straff. Hinterherfahrenden schließlich versperren SUVs die Sicht ähnlich flächendeckend wie Transporter – es sei denn man steuert selbst eines. Eventuell liegt darin ein ganz zentraler Marketing-Clou.

Wohin geht‘s?

Der Autoindustrie lässt sich – das meine ich aus Überzeugung –  nichts vorwerfen: Natürlich baut sie, was die Kunden wünschen. Das ist heute eben alles in einem, die Übertragung des Universalnutztierideals ins Automobile. Weitere virale Genveränderungen kommen da gerade recht: Sie reichen von SUV-Coupés (z. B. BMW X2, X4 und X6, Mercedes-Benz GLC und GLE Coupé oder Toyota CRH) über Crossover-Stufenhecklimousinen (Volvo S60 Cross Country) bis hin zu offenen Offroadern (Range Rover Evoque Cabriolet, VW Beetle Cabriolet Dune). Der Erreger verantwortet außerdem die hartplastikbeplankten Ableger klassischer Kombis –  im VW-Konzern tragen sie die Zusätze Allroad, Alltrack, Scout oder X-Perience, bei Mercedes-Benz gibt es eine All-Terrain-Version. Und etablierte Vans verwandelt das SUV in ihren Nachfolgegenerationen zu nicht mehr ganz so praktischen, aber in die Höhe geschossenen Crossover-Modellen (Renault Espace, Opel Crossland X als angekündigte Meriva-Ablöse). Wie ungleich erfolgreicher wäre wohl zum Beispiel der hochperformante Treser Hunter (siehe Bild unten) als exklusives „Autobahn-Feldweg-Wüsten-Luxusfahrzeug“ gewesen, hätte er sich vor rund 30 Jahren auf einer ähnlich großen viralen Trendwelle verbreiten können?

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Offenbar haben manche der aktuellen „Vehikel“ inzwischen selbst realisiert, dass sie weder so richtig „Sport“ noch konsequent „Utility“ sind, dass eine professionelle Behandlung eventuell gelegen käme. Operativ werden sie dann entweder für freudiges Kurvenwetzen wieder annähernd auf Limousinen-Niveau abgesenkt oder aber, um die Geländetauglichkeit wiederzuerlangen, mit einem speziellen Offroad-Paket kuriert. Insofern könnte – die Sinnfrage der vielen Umwege dorthin ausgeklammert – sogar für mein intolerantes Autofahrerherz am Ende schon wieder alles gut ausgehen.