E-Mobilität wird pragmatisch

Innovativ, zukunftsorientiert, eigeninitiativ – bei diesen zugegebenermaßen etwas ausgelutschten Schlagwörtern hätte ich bisher an vieles gedacht, aber nicht gerade an die Deutsche Post. Entsprechend erstaunt war ich, als ich vor kurzem über einen Artikel zur Post-eigenen Elektrofahrzeugproduktion stolperte.

Vom Briefzusteller zum Fahrzeugbauer

Seit 2014 entwickelt und baut die Post ihre eigenen Elektrotransporter. Der Bedarf für rein elektrische Lieferfahrzeuge liegt auf der Hand – immer mehr Lieferverkehr in Städten, immer strengere Emissionsvorschriften, der Wunsch nach weniger Verkehrslärm. Alles hinlänglich bekannt. Und während die vergleichsweise geringe Reichweite und lange Ladezeit von Elektroautos na­­ch wie vor sowohl den Fernverkehr als auch Privatnutzer vor gewisse Schwierigkeiten stellen, fallen beide Punkte für Lieferfahrzeuge flach. Mehr als durchschnittlich etwa 100 Kilometer fährt ein Paketbote am Tag nicht, und nach Feierabend kann er sein Gefährt in aller Ruhe über Nacht im Betriebshof an die Steckdose hängen. Dennoch hatten es die großen Fahrzeughersteller bisher anscheinend nicht eilig, ihr Portfolio um ein entsprechendes Angebot zu erweitern. Also wurde die Post selbst aktiv und tat sich mit dem Aachener Start-up Streetscooter zusammen.

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Unternehmensvorteil: klein und wendig

Damit reiht sich die Post in eine ganze Gruppe neuer Akteure ein, die das Thema Elektromobilität in der Automobilbranche auf den Plan gerufen hat – wenn natürlich auch in deutlich kleinerem Maßstab als Unternehmen wie beispielsweise Tesla. Während bei Letzterem Innovationen, Lifestyle und hochmoderne Software im Vordergrund stehen, liegt für die Post der Schwerpunkt auf einem robusten, alltagstauglichen und bezahlbaren Lieferwagen. Dementsprechend groß ist die optische Verwandtschaft zu einem Briefkasten. Doch dahinter steckt das gleiche Phänomen; entsteht eine neue Technologie, sind es oft kleine oder branchenfremde Unternehmen, die die Nase vorn haben. Sie haben Kundengruppen im Blick, die für die etablierten Konzerne durchs Raster fallen, weil sie schlicht zu klein sind. Ein neues Modell lohnt sich für einen Großkonzern schließlich nur, wenn es in genügend großer Stückzahl produziert werden kann. Ein Start-up ist da deutlich flexibler und kann sich erst einmal auf Nischenmärkte konzentrieren. Man spricht von disruptiven Technologien – verschlafen die Großen einen solchen neuen Trend komplett, kann es sie im Zweifelsfall teuer zu stehen kommen. Nokia und Kodak können ein Lied davon singen.

Auch ein Nischenmarkt kann sich lohnen

Stellt der Einstieg der Deutschen Post in den Fahrzeugbau jetzt also die komplette Branche auf den Kopf? Na ja, das wohl nicht. Aber bei den Logistikunternehmen und Fuhrparkbetreibern ist der Bedarf nach alltagstauglichen Elektrofahrzeugen ohne großen Schnickschnack offensichtlich da. Geht doch, sagt die Post mit ihrem Elektrotransporter. Im Gegensatz zu den etablierten Herstellern kann sie es sich eben leisten, das Hauptaugenmerk auf genau die Eigenschaften zu legen, die aus ihrer Sicht für diesen Nischenmarkt entscheidend sind.