Alles easy mit den E-Ridern?

19.10.2016 | / / /

Die KTM GL 250 des österreichischen Bundesheers und ich, 1995 frisch nach dem Erhalt der Fahrerlaubnis, standen von Anfang an auf Kriegsfuß. Beim ersten Geländeausflug genügte eine kurze Rücklage bergauf, um erstens unfreiwillig am Gasgriff zu drehen. Zweitens interpretierte dies die an den hämmernden Einzylinder gebundene Fliehkraftkupplung prompt als Befehl zum noch kraftvolleren Zubeißen. Das Krad katapultierte sich daraufhin autonom, also fahrerlos, über den geschätzten 5-Meter-Erdhügel; ich dagegen gehorchte als gegenläufig beschleunigte Masse den Gesetzen der Erdanziehung. Unrühmlicher hätten sich meine Ambitionen von einer tatsächlichen Endurokarriere wohl kaum trennen können.

Gefahrene Gefahren

Heute, Jahrzehnte später, boomt eine artverwandte Unfähigkeit gewaltig. Subjektiv und freilich rein unter dem fahrkönnerischen Aspekt betrachte ich mich nämlich als früher, einflussreicher Inspirationsquell für das Massenphänomen „E-Bike“: Insbesondere geht es mir dabei um jene Mitmenschen, die vor diesem Hype nicht im Entferntesten  auf motorisierte Zweiradideen gekommen wären, jetzt aber urplötzlich den „Easy Rider“ in sich entdeckt zu haben glauben. Genauer lassen sie sich von Pedelecs fahrprüfungs- und helmpflichtfrei auf konstante 25 km/h beschleunigen und passiv-verwegen durchs Verkehrsgeschehen feuern. Bevorzugt nutzen sie dazu Gehwege, vermutlich weil ihnen diese aus dem Fußgängerleben am vertrautesten sind. Natürlich geht es immer nur schnurgeradeaus, die Arme langgestreckt, den Kopf ob der gewaltig wirkenden Wind- und Maschinenkräfte in den Nacken gedrückt.

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Klassische Fahrradfahrer bremsen wenig, weil sie die zuvor mühsam hineingesteckte Muskelenergie erhalten wollen. Dabei verhalten sie sich im urbanen Verkehrsgetümmel immerhin punktuell umsichtig. „Neu-Pedelecer“ dagegen stoppen eigentlich gar nicht mehr. Vermutlich macht in kritischen Situationen der Schreck, der ihnen dann in die Fingerglieder fährt, just vergessen, wie der Händler das Ganze gleich noch mal erklärt hatte. Oder es liegt am geschwindigkeitsberauschten Tunnelblick. Jedenfalls rasen sie – Rider follows E-Bike – ungebremst über Kreuzungen, rote Ampeln, Bordsteine und Markierungen jeglicher Art; am allerliebsten aber, so scheint es, schräg von der Seite direkt vor die Stoßfänger fahrender Autos (ja, meines).

Eine Bitte daher an alle (E-)Bike-Novizen, ganz gleich welchen Alters: Nutzt nicht blauäugig Vehikel, die ihr weder gut kennt noch beherrscht. Zweiradnaivität kann sehr übel enden, lernt aus meinen vergangenen Schmerzen. Sucht euch vor City-Exkursen Orte zum Üben, an denen ihr maximal euch selbst gefährdet. Zumindest in diesem Punkt war ich anno ‘95 ja tatsächlich schon ein gutes Vorbild.

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